Laudatio von Bernd Roloff@Nissis Kunstkantine Hamburg am 11.10.2017

Ausstellung
"Unerwartete Landschaften"

Dieter List
 

Eröffnungsrede von Bernd Roloff

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste, willkommen im Bernsteinzimmer der HafenCity.

Mein Name ist Bernd Roloff, ich bin der Keynote – Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen zur 34. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013. Ich werde heute wieder assistiert von meiner Assistentin Betty, die Schild und Schwert unseres Kunstbetriebes ist.

Die Ausstellung gilt den Werken von Dieter List und steht unter dem Motto

 

Unerwartete Landschaften.

 

Wie man sieht, sind die Werke in zwei Aspekten unerwartet. Zum einen handelt es sich um abstrakte Werke, was bei Landschaften weniger häufig vorkommt als Figuratives oder Realistisches. Zum anderen sehen wir hier keine Flachware, sondern Dreidimensionales. Alles, was an der Wand hängt, das Format eines Gemäldes hat, aber sozusagen Körper hat, lässt sich im Oberbegriff als „Materialbild“ bezeichnen.

 

Dieter hat mir gesagt, dass ihm dies noch zu unspezifisch ist. Er möchte seine Werke als Gipsreliefs bezeichnet sehen. Mit dieser Bezeichnung ist zugleich der Stoff benannt, aus dem die Träume hier sind. Nämlich aus Gips in Form von Gipsbinden, die nach der Trocknung bemalt werden.

 

Wer zu meiner Generation gehört, verbindet mit Gips vor allem die Behandlung von Knochenbrüchen, vor allem in der Grundschule bis ins Teenie-Alter. Man bekam einen Gipsverband, wurde interessiert-fürsorglich bemitleidet und sammelte Kommentare auf seinem Gips, die mit Filzstift draufgemalt wurden. Die Mädchen bekamen ein Herzchen oder mehrere, und die Jungs z. B. einen Anker in Vorwegnahme einer späteren Tätowierung auf Bein oder Arm. So wie das Poesie-Album ist auch der Gipsverband als Medium für gute Wünsche verschwunden. Heute gibt es zur Knochenrestauration was aus Kunststoff und Genesungswünsche kommen per elektronischer Medien.

 

Bei Dieter hat die Gipsbinde einen neuen poetischen Kontext gefunden, nämlich als Ausgangsmaterial für seine Reliefs, die neben Landschaften auch z.B.  Architektur zum Gegenstand haben. Er nennt diese Bilderserie „Pure“.

Diese Werke sind gemeint:

 

Auch bei abstrakten Werken drängt sich manchmal für den Betrachter ein Déjà- vu auf. Was ist abends bunt und hat ein Außenskelett? Ich meine jetzt nicht den Hummer auf dem Silbertablett, meine Damen und Herren, sondern es geht ja um Architektur. Also noch mal, was ist abends bunt und hat ein Außenskelett?

 

Richtig!

 

Das chinesische Nationalstadion in Peking am Abend

 

Am Tage sieht das von der Bevölkerung „Vogelnest“ getaufte Bauwerk dann etwas schlichter aus.

 

Gebaut wurde es für die Olympischen Sommerspiele 2008. Geplant wurde es von

den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron nach einem Entwurf des Kunstsuperstars Ai Weiwei, der später meinte, sein Entwurf wäre verhunzt worden, der Kostenrahmen sei weit überschritten worden und dieser ganze olympische Zirkus sei ihm zu viel. Herzog und de Meuron waren ja auch die federführenden Architekten bei der Elbphilarmonie, irgendwie wird bei denen immer alles teurer als gedacht. Und wenn wir jetzt schon mal aus China wieder bei der HafenCity angelangt sind, habe ich mir gedacht, ich frage unseren Künstler mal nach seiner Meinung zur HafenCity. Er schreibt mir hierzu Folgendes:

 

„Die HafenCity ist für mich stylisch, kalt, im Ansatz avantgardistisch, aber am Ende nicht mutig genug, zu inhomogen, um auf Dauer eine Architekturikone zu werden, trotzdem durch die einmalige Lage mit genügend Ausstrahlungskraft, um – gepaart mit der Speicherstadt – ein Anziehungspunkt zu bleiben.“

 

Ich finde, damit ist die Ambivalenz der HafenCity durchaus zutreffend beschrieben. Belassen wir es einfach mal dabei.

 

Ebenfalls abseits der Landschaften gibt es noch einen Frauen-Torso zu sehen. Zur Darstellung der Brust-Partie musste mit MASCHENDRAHT statisch verstärkt werden.

 

„Maschendraht“, lieber Dieter, ich hatte vorhin schon das Problem mit dem Gips und den Knochenbrüchen. Maschendraht, da denkt man doch an Vorortbadeanstalten oder Flüchtlinge. Also, so geht das nicht. Überlegen wir, wie und wo eine gefälligere Bezeichnung als Maschendraht zu finden sein könnte.

 

Die Büstenhalter-Industrie kennt das Problem. Bei großen Cups muss eben in die Trickkiste gegriffen werden und festeres Material kommt zum Einsatz, damit nichts hängen tut.

 

 Die Firma Triumph setzt hierfür den besonderen 3D-Flexi-Bügel ein. Zitat:

„Der besondere 3D-Flexi-Bügel: Der speziell für Triumph BHs in großen Größen entwickelte 3D-Flexi-Bügel bietet mehr Halt und ist flexibler als ein normaler Bügel. Er passt sich Ihrem Körper an und sorgt durch leichtes Anheben Ihrer Brust und einen Push-in-Effekt für ein schönes und natürliches Dekolleté.“

Also, lieber Dieter: Falls du das Bedürfnis hast, für die spröde Materialbezeichnung Maschendraht eine mehr poetische Diktion zu finden, so sieh bitte auf den Websites der Büstenhalterhersteller nach, z.B.  bei „Miracle Woman“, einem führenden Büstenhalter-Webshop, übrigens auch mit Live-Beratung. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen, als da mal nachzufragen. Bei „Miracle Woman“ gibt es z.B. das Modell „Picasso“ mit Soft-Side-Support. Du bräuchtest für deine Torsi „Rear-Side Support“, was man denn da nehmen könnte …

Nun aber zum Schwerpunkt der Werke, den abstrakten Landschaftsbildern. Zur Erinnerung liebe Kunstfreunde: Abstrakt bedeutet das Gegenteil zu figurativ, bzw. das Gegenteil zum Realismus. Nicht nur auf künstlerischer Ebene polarisieren sich die Darstellungsformen. Der Konflikt hat auch einen politischen Hintergrund.

Mehr oder weniger bewiesen und verdichtet soll z.B. der CIA abstrakt arbeitende Künstler mit Geld und Beziehungen gefördert haben, um einen Kontrapunkt gegen den sozialistischen Realismus zu setzen, während im Osten eine Kulturförderung nur dann gab, wenn die Werke des betreffenden Künstlers „auf Linie“ waren. Wenn dem so gewesen ist, dann müssten die abstrakt malenden Künstler der westlichen Hemisphäre eine wichtige Einnahmequelle verloren haben, weil die sozialistischen Ideologien nun schon jahrzehntelang in einer Baisse sind und die unkoordinierte Libertinage ja nun bedauerlicherweise dazu geführt hat, dass man im Osten malen kann, was man will.

Eine Ausnahme bildet Nord-Korea, wo man es angesichts der dortigen Exekutions-Politik nicht unbedingt wagen sollte, Abstraktes zu produzieren, sondern ideologisch gefestigt lieber im figurativen Bereich mit einem Schuss Arbeiter-und-Bauern-Staat bleiben sollte.

Hier ein wunderbares Beispiel: „Traktoren in der Abendsonne“.

Der abstrakt arbeitende Künstler macht den Rezipienten mehr Arbeit. Man muss sich in das abstrakte Werk hinein denken, um ggf. Traktoren in der Abendsonne in einem Flusslauf darin zu sehen. Üben Sie sich z.B. heute Abend darin, in Dieters Werk „Flusslauf“ eine Entsprechung zu dem nordkoreanischen Werk zu sehen:

Fangen wir mit den Farben an: Es gibt dort jede Menge Entsprechungen, den Schwung des Flusses haben wir hier sogar in 3D wiedergegeben und einen Traktor habe ich auch schon entdeckt, siehe Wäscheklammer. Die Wäscheklammer war, wenn ich Dieter richtig verstanden habe, das erste „Material“, für dessen Wirkung er sich künstlerisch begeisterte. Er schrieb mir – übrigens aus Korea – das Folgende:

 

„Dass ich nicht Malerei machen würde, stand für mich immer fest. Meinem Onkel Herbert List mit seiner berühmten metaphysischen Fotografie habe ich zu verdanken, dass ich immer an dem Thema Licht-Schatten und dem Farbwechsel – je nach Lichteinfall – interessiert war. Ich war ursprünglich der Meinung, dass ich dies mit Wäscheklammern, senkrecht an Leinwänden befestigt – mittels Gipsbinden oder Pappmaché – am besten erreichen könnte.

Das waren meine Anfänge, die Klammerkunst. Je länger ich im Laufe der Jahre mich mit dem „Befestigungsmaterial“ Gipsbinden beschäftigte, umso mehr realisierte ich, dass dieses Material das größere Potential bot, was Farbenpracht und Lichtwechsel anbelangt. So ist es passiert, dass heute die gipsgetränkten Mullbinden, die ja nass so total labberig, getrocknet aber soooo fest werden, MEIN Material sind. Und die Klammern sind immer noch dabei, aber nur noch als Markenzeichen, wie der Stern auf dem Benz. In jeder Arbeit, aber nur noch als Reminiszenz an früher. Für Kinder ist es häufig eine Spaß-Aufgabe, sie in meinen Objekten zu suchen…“

 

Ja, meine Damen und Herren, soweit zur Entwicklung von Dieter von der Klammerkunst zum Materialbild, bzw. zum Gipsrelief. Eine Keynote der Kunstkantine wäre keine Keynote der Kunstkantine, wenn ich Sie jetzt nicht auffordern würde, einem spontan auftretenden Kaufimpuls zu folgen. Ansprechpartner für Ihren Wunsch ist in der Zeit der Ausstellung meine Frau Nissi, Initiatorin und Namensgeberin der Kunstkantine.

Notwendig für die Erfassung der Werke ist es, dass sie umrundet werden müssen. Es ist also Perspektivwechsel gefordert. Frontale Ansicht genügt nicht. Halb links und halb rechts wie SPD und CDU, anschließend nochmal die Linke und dann die AfD-Perspektive ganz rechts. Überdenken Sie auch die Perspektive von FDP und Grünen. Stellen Sie sich das Bild auf dem Rednerpodium vor und durchschreiten Sie das Parlament.

 

Wenn Sie diesem Prozedere folgen, geben Sie den Werken von Dieter die Möglichkeit, ihre volle Wallpower zu entfalten, die in der positionsabhängigen Farbwirkung ihren Treibstoff hat. Benzin im Tank hat derjenige, der sich auf diese Feinstofflichkeit einlässt. Vielleicht sollten Sie zu einer anderen Tageszeit und anderem Sonnenschein noch einmal wiederkommen, um in den Vollbesitz der möglichen Eindrücke zu gelangen. Die Kunstkantine ist ja auch Kantine, Ihr seid zum Mittagstisch willkommen oder bei gutem Wetter zum Kaffee am Wochenende.

 

Mit dem Erwerb eines Werkes von Dieter List machen Sie keinen Fehler. Dieters Background ist künstlerisch: Die Mutter Ballerina, der Bruder Filmregisseur und die Schwester Cheflektorin, der Onkel Herbert List, einerseits ein stilbildender künstlerischer Fotograf, andererseits in seinem Beruf aber auch für die Cover wichtiger Magazine gefragt. Berühmtestes Foto vielleicht das Sonnenbad mit Dalmatiner.

 

Künstlerisch aufgeladen schon vom Nest her, wollte er eigentlich schon Anfang der Neunziger ins Künstlerfach wechseln. Aber er wurde an anderer Stelle beruflich und privat mehr gebraucht. So entfaltet sich jetzt seit 7 Jahren, was sich zwischenzeitlich, gefiltert durch Lebenserfahrung und künstlerischen Erlebnissen, an kreativer Kraft aufgeladen hat.

 

Interessant ist immer wieder die Frage, ob sich ein Künstler leicht von seinen Kunstwerken trennen kann oder sie am Liebsten behalten möchte.

Dieter schreibt mir zu diesem Thema das folgende:

„Ich kann mich unterschiedlich leicht von meinen Arbeiten trennen. Manche von ihnen sind Milestones und da fällt es mir besonders schwer.
Aber durch meine vielen Ausstellungen und Messebeteiligungen habe ich mich daran gewöhnt und freue mich immer wieder, mit einem Teil von mir in eine Wohnung oder Gebäude einzuziehen.“

 

Für mich ist das eine ambivalente Antwort. Also eigentlich mag er sie nicht so gern hergeben, schließlich sind sie doch ein Teil von ihm. Und als Dekoration sieht er seine Werke auch keinesfalls an, wie er mir an anderer Stelle geschrieben hat. Er möchte durch seine Kunst ein besonderes Seh-Erlebnis bieten, das durch den Perspektivwechsel am besten immer wieder neu entsteht. Wenn der Betrachter dies nachvollzieht und sich daran erfreut, war es die Mühe wert.

 

Allerdings versteht Dieter die Werkschaffung nicht als Mühe, sondern als Vergnügen. Spannendste Phase ist, die vor sich hin trocknenden Gipsbinden in ihre Dreidimensionalität zu arrangieren. Die nächste Herausforderung besteht darin, die erreichte Tiefe auch in ein Farberlebnis umzusetzen. Dieter arbeitet hier mit Acrylfarben, brillant und widerstandsfähig.

 

Wenn Sie sich also für den Erwerb eines Werkes von Dieter entschließen können, darf ich Ihnen versichern, dass sie weder besonders abstaubbedürftig sind und dem Abstauben auch durchaus genügend Widerstand entgegen setzen – insgesamt also pflegeleicht sind. Dieser Hinweis vor Allem für die Männer, die beim Erwerb eines Kunstwerks immer erstmal ihre Frau fragen müssen.

 

Meine Damen und Herren, die Ausstellung von Dieter List läuft bis zum 10. November. In dieser Zeit haben Sie die Möglichkeit, die unerwarteten Landschaften von Dieter List zu erkunden. Genau genommen sind sie in dreifacher Hinsicht unerwartet. Nämlich einmal unerwartet in der hochurbanisierten HafenCity, als nächstes unerwartet in ihrer Abstraktion und schließlich unerwartet in ihrem Farbenspiel.

Ich empfehle Ihnen, das Unerwartete in Ihr Heim zu transportieren. Nichts tötet das Leben mehr als Routine. Oder Sie machen jemanden einfach ein unerwartetes Geschenk. In reichlich zwei Monaten ist Weihnachten und wenn das unerwartete unter dem erwarteten Weihnachtsbaum liegt, machen Sie jemanden eine unerwartete Freude. Erwartete „Sie“ doch ggf. eine Warmhalteplatte und er die nächste Armbanduhr.

Für den Moment beschenkt Sie diese Ausstellung mit dem Blick auf Kunstwerke, man kann sagen: Einmaliger Machart. Ich habe in den Tiefen der Kunstwelt geforscht und praktisch keine Entsprechung gefunden. Nutzen Sie also diesen Abend zur Erforschung der einmaligen Kunst von Dieter List. Dies ist mein Wunsch und zugleich mein Schlusswort. Bleiben Sie der Kunstkantine treu und bis bald in diesem Theater!

Bernd Roloff

 

C Nissis Kunstkantine

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Mölschbacherstraße 15
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